Station 39

Ludwig Harig und der Brennende Berg


„Was ist nun mit dem Brennenden Berg? Gehört er zu Dudweiler oder gehört er zu Sulzbach? Die alte Frage ist ungelöst, der Generationenstreit nicht geschlichtet, das Ringen um die Pilgerstatt setzt sich weiter fort. Ja, was ist überhaupt dieser Brennende Berg, und worum streiten sich die Dudweilerer und die Sulzbacher. Ist es überhaupt ein Streit? Die Grenze läuft akkurat über den sanften Bergsattel mitten zwischen den beiden höchsten Erhebungen hindurch und teilt den Berg in zwei gleiche Hälften. Wessen Berg brennt nun eigentlich? Die Sulzbacher zeigen auf ihre dampfenden Spalten und sagen zu den Dudweilerern: Was nützt euch euer Flöz, wenn nicht unsere Spalten dampfen würden? Und die Dudweilerer zeigen auf ihr brennendes Flöz und sagen zu den Sulzbachern: Was nützen euch eure Spalten, wenn unser Flöz nicht brennen würde? Dominiert nun die Ursache die Wirkung, oder ist die Wirkung der Ursache unterzuordnen? Was wäre das Flöz, wenn nicht die Spalten wären, was wären die Spalten, wenn nicht das Flöz wäre? Oder ist dieser Brennende Berg nur der Ort der gusseisernen Gedenktafel, auf der zu lesen ist, dass Goethe vor mehr als zweihundert Jahren hier stand, sich seine Lust zu ökonomischen und technischen Betrachtungen erregen und seinen Drang zum faustischen Streben befeuern ließ? Die Dudweilerer haben ihre Eisentafel an Sulzbacher Felswand befestigt, auf Sulzbacher Boden entfaltet sich Dudweilerer Unternehmensgeist. Ist das nicht unverschämt?“*

*) Ludwig Harig: „Ordnung ist das ganze Leben“, Hanser Verlag  S. 328

Der Brennende Berg, nach einem Gemälde von Petra von Ehren-Hiry
Der Brennende Berg, nach einem Gemälde von Petra von Ehren-Hiry